Eine Art von Befreiung

Hmm, ein halbstündiger Privatplausch mit den Pet Shop Boys.


Verlockend. Aber nicht unproblematisch. Neil Tennant und Chris


Lowe gelten mitunter als schwierig, zickig und divenhaft. Davon


ist heute allerdings nichts zu spüren. Beide sind bester Laune.


Ihr kleines Previewkonzert in der Live Music Hall ist prima gelaufen,


und gestern hatten sie viel Zeit, sich ein bisschen in Köln umzugucken


und Freunde zu treffen. Tennant war erst im Kölner Dom, dann eine


Bratwurst essen und schließlich im Museum Ludwig.




Neil Tennant: ‘Eine fantastische Kollektion. Ich war auch schon mehrmals da, und hatte vergessen, wie viele Exponate

sie haben. Das Interessante ist: In England gibt es kaum Gemälde von deutschen Künstlern des 20. Jahrhunderts, ich

nehme an, sie wurden einfach nicht gekauft. Es gibt deutsche Maler, die ich sehr mag, wie Max Beckmann, und im Museum

Ludwig gibt es einen ganzen Raum mit Beckmann. Oder Otto Dix, von dem es in England kaum Bilder gibt. Ich liebe die

expressionistische Kunst aus Deutschland.’ Neil Tennant ist – klar – großer Kunstliebhaber. Beim Video zur aktuellen

Single ‘Home And Dry’ führte Wolfgang Tillmanns Regie, von dem momentan viele Künstler schwärmen. Michael Stipe spricht

voller Begeisterung über Tillmanns, und Richard D. James ließ sich jüngst von dem Remscheider fotografieren. ‘Tillmanns’,

verrät Tennant, ‘wird auch Filme für die anstehende große Pet-Shop-Boys-Tour drehen, die dann auf Videoleinwände

projiziert werden.’ Konzerte der Pet Shop Boys waren immer aufwendige Multimedia-Spektakel, und in bezug auf Kostüme

und Identitätsverschiebung können wohl nur die Residents bei dem Duo mithalten. Unvergessen die spitzen Hüte und die

Kabuki-Theatermasken aus der ‘Nightlife’-Phase. Chris Lowe aber erinnert sich am liebsten an die Frühphase der Pet

Shop Boys, damals, ca. 1983/84, als mit ‘Westend Girls’ alles losging: ‘Die After Show Party nach unserem allerersten

Konzert in London war unglaublich. Der Auftritt ist sehr gut gelaufen. Alle unsere Freunde waren da, und auf der

anschließenden Party konnten wir kaum glauben, dass das alles nur wegen uns veranstaltet wurde. Das war ein bisschen

wie ein 60er-Jahre-Happening. Und die Musik damals war auch phantastisch, der zarte Beginn der House-ära. Es lag soviel

Liebe in der Luft, soviel Euphorie.’



Die Euphorie, das denkt man beim Hören des neuen Albums ‘Release’, ist bei den beiden immer noch da. Nach einem

phänomenalen ‘Bilingual’ und einem eher lauen ‘Nightlife’ ist ‘Release’ wieder ein hinreißendes Pet-Shop-Boys-Album.

Von seichtem Pop und dramatisch anschwellenden Bombastkrachern bis hin zu augenzwinkernden Beatles-Adaptionen. Und dazu

Tennants großartige Texte.



Neil Tennant: ‘Viele der Songs sind von Ereignissen inspiriert, die in unserem Umfeld passiert sind oder uns in

irgendeiner Weise betroffen haben. Es geht um singuläre Ereignisse, die, zusammengenommen, so etwas wie ein Zeitbild

ergeben, eine Aussage, die sich verallgemeinern und auf so was wie einen Status Quo von sozialen Befindlichkeiten

übertragen lässt. ‘Birthday Boy’ bezieht sich auf den rassistischen Mord an einem jungen Schwarzen und den Mord an einem

amerikanischen Jungen namens Matthew Shepard – ein Mord, der einen schwulenfeindlichen Hintergrund hatte. Ein sehr

wichtiger Song für uns. In ‘London’ geht es um zwei Russen, die nach London kommen. Es geht um das Phänomen, dass

Menschen nach Westeuropa kommen, um hier bzw. dort ein ‘besseres Leben’ zu finden. Oder es gibt einen Song, der sich

auf einen Polit-Skandal bezieht. Einer von Tony Blairs engsten Mitarbeitern wurde entlassen, und ich habe diese

Geschichte umformuliert als eine Art Love-Story, die die tatsächlichen Ereignisse als Basis verwendet. Und es gibt

ein Stück, das von Eminem inspiriert wurde.’



Tennant spricht von dem großartigen ‘The Night I Fell In Love’, die Geschichte eines Fans, der nach dem Konzert

mit dem recht eindeutig als Eminem identifizierbaren Star nach Hause geht und eine Nacht verbringt. Eminem lockt

mit einer ‘private performance’, schlägt ein ‘secret lovers agreement’ vor und witzelt mit dem Fan: ‘Hey man, your

name isn´t Stan, is it? We should be together.’ Und am Frühstückstisch werden dann Witze über ‘Dre and his homies

and folks’ gerissen – eine phantastisch humorvolle Reaktion auf Eminems schwulenfeindliche äußerungen und Texte.

Ist es das, was guten Pop ausmacht? Die wundervolle Distanz, die Tennant in seinen Texten einnimmt, die bei aller

Zurückhaltung und britischer Distinguiertheit trotzdem immer eindeutig bleiben und Phänomene auf die Schippe nehmen,

die eine Welt beschäftigen, die boulevardpresseübersättigt ist? Neil Tennant: ‘Guter Pop, das heißt, etwas Neues auf

eine neue Art zu sagen. Das sehe ich überhaupt als Hauptanliegen von Pop: Es soll neu sein, es soll reflektieren, und

zwar auf eine neue Art. Bei Pop geht es um das Jetzt, und um die Möglichkeiten, die man vielleicht hat, das Jetzt zum

Besseren hin zu verändern. Schlechter Pop schaut nur zurück, wie bei Coverversionen von alten Songs. Es geht um Erfolg,

nicht um Bedeutung. Leider gibt es genau davon momentan sehr viel, zu viel.’ Wir landen über Umwege irgendwann bei Mode,

dem damit zusammenhängenden Spiel mit Identitäten, bei der Sublimierung von Oberfläche und den schlimmsten Modesünden

der Pet Shop Boys. Chris erzählt von Seglerhüten von Armani, die er früher oft getragen hat: ‘Die waren sehr Pop, aber

auch sehr tragisch …’



Neil Tennant: ‘Oh nein, ich mochte diese Seglerhüte gerne. Ich habe in den 70ern solche Seglerhemdchen getragen, das

sah bescheuert aus … Aber ich bin von der gegenwärtigen Mode ein bisschen enttäuscht, es gibt nichts mehr, was mir

gefällt, was zur Folge hat, dass ich fast nur noch Jeans und Jumper trage. Ich war sehr enttäuscht, als Jil Sander

sich aus dem Geschäft zurückgezogen hat. Und Issey Miyake mochte ich mal, aber die Sachen haben sich einfach nicht

weiterentwickelt. übrigens: Den Leinenmantel aus dem Video zu ‘Westend Girls’ habe ich immer noch, den habe ich aus

Sentimentalität aufgehoben.’



Am Ende des Interviews, das sich mittlerweile eher zu einem geselligen Dönekes-Austausch gewandelt hat, erzählen Tennant

und Lowe von ihrer Schulzeit.



Neil Tennant: ‘Als ich acht war, bekam ich mal ein Zeugnis, das völlig falsch war. Mein bestes Fach war Mathe, mein

schlechtestes Musik. Umgekehrt wäre es richtig gewesen. Ich war nicht allzu oft in der Schule, war sehr faul. Ein

Lehrer schrieb mal den poetischen Satz in mein Zeugnis: ‘He attends when he wishes and writes what he pleases. On

what does he base his claim to superiority?’ Das war wirklich ‘bitchy’.’



Chris Lowe: ‘Ich war ziemlich gut in der Schule, und konnte es immer kaum erwarten, mit meinem Zeugnis zu meinen

Eltern zu laufen und es ganz stolz zu präsentieren. Eine 2 war schon eine Katastrophe. Ich fand es immer cool,

ein Streber zu sein …’



Neil Tennant: ‘Chris ist auch einer von diesen Menschen, die erst mal die Bedienungsanleitung lesen, wenn sie

ein neues Gerät gekauft haben. Er erzählt mir dann so absurde Sachen wie: ‘Wusstest du, was dein Telefon alles

kann?’ Well, wenn ich so etwas wissen will, dann frage ich einfach Chris …’

Taken from: www.intro.de
Interviewer: Sascha Ziehn